JOAN OF ARC + MOCK

Montag, 26.11.18 Kantine

JOAN OF ARC

Legendärer experimenteller Indie-Rock, Post-Hardcore, Post-Folk

MOCK

Post-Hardcore und Puzzle-Rock

Einlass 20:30 Uhr, Beginn 21 Uhr
Eintritt: Abendkasse: Zahl was du kannst zw. 12-15€, Vorverkauf 12€ zzgl. VVK-Gebühr 

 

In ihrer über 20jährigen Diskografie wurde das raffinierte, musikalisch immer weiterforschende Experimentieren von JOAN OF ARC – das stets resistent gegen Dogma und Genre blieb, am ehesten blieb noch das vage Emo / Post-Hardcore haften, reichte aber nie auch nur annähernd aus – von einer Flut von Stimmen getragen, meist alleine vom Kehlkopf Tim Kinsellas, der immer besessen von (und wütend über) Orwellscher Sprache und ihrer Herrschaft über das “American life” war. Richard Brautigan, Mark Twain, Elizabeth Taylor, und Assata Shakur mögen seine Texte besuchen, aber es ist die Band selbst, die eine Vielfalt von Stimmen ausmacht. In JOAN OF ARC, haben Kinsella und seine Bandkolleg*innen – das waren über die Jahre zwei Dutzend – durchwegs eine echte künstlerische Demokratie erarbeitet, um den sich verdüsternden politischen Realitäten und zwischenmenschlichen Mysterien unserer Zeit etwas entgegenzusetzen. Wie ihre Namensschwester – eine mit Erleuchtung Beschenkte, die zur grimmigen heiligen Kriegerin wurde, nur um von einem König entsorgt und an einem Pfahl als Ketzerin verbrannt zu werden – haben JOAN OF ARC auch ihren Teil an wahrhaft Gläubigen inspiriert und Legionen von Skeptikern mit offenen Mündern staunend zurückgelassen.

Seit sich JOAN OF ARCs aktuelles Line Up herausgeformt hatte – Kinsella, Theo Katsaounis, Melina Ausikaitis, Bobby Burg, und Jeremy Boyle— und 2015 Konzerte zu spielen begann, um dann sein Album ‘He’s Got The Whole This Land Is Your Land In His Hands’ aufzunehmen und auf Joyful Noise am Tag von Donald Trumps Amtseinführung zu veröffentlichen, wurden die Fans der Band Zeug*innen einer noch radikaleren Demokratie. ‘Your War (I’m One Of You): 20 Years of Joan of Arc’, eine Doku in Spielfilmlänge von Vice’s Noisey, öffnete ein Fenster zum großzügigen kollaborativen Spirit der Band und der weit verstreuten, improvisierten Erschaffung dieses neuen Albums. Livemusik, alte Jams und neue Tracks verschmolzen oft miteinander und mutierten, Mitglieder sprangen von Instrument zu Instrument, zwischen oder mitten in Liedern, alles, woran sich hätte festhalten lassen, jeglicher Stillstand, wurde über Bord geworfen. Und nun wurde eine Reihe von fast-Acapella Live Performances von Kinsellas Mitsängerin Melina Ausikaitis nach ihrem Livedebut in den letzten paar Jahren, zum Rückgrat des neuen Albums, ‘1984’.

Bemerkenswerterweise ist auf ‘1984’ viel vom überladenen Sound von JOAN OF ARCs früheren Alben wegfallen, sowie Kinsellas Stimme. Im ersten Moment ist das wirklich schockierend. Aber die Songs hier sind eine Offenbarung, so tiefgründig und geradeheraus wie Parabeln. Durch und durch im Geiste JOAN OF ARCs sind Ausikaitis Texte gleichermaßen getragen von Scharfsinnigkeit, Witz, Verzweiflung und hartnäckigem Ausdauern. Da gibt es peinlichen Sex im Haus der Großmutter. Da sind Kinder im Schnee, die Cop-Sonnenbrillen tragen, und die zerbröselnden psychischen Widerstände gegen Kindheitserinnerungen. Da sind Nurdachhäuser und weiße Pferde. Da gibt es Trucks, deren Bremsen auf dem Hügel am Ende der Straße versagen. Da sind haufenweise nützliche Selbsthilferatschläge (“stop chicken-shittin’ all over your life” ist mir ein persönliches Mantra geworden). So wie das markante handgezeichnete Albumartwork, ist die Musik drinnen oft spärlich gehalten. In hymnische Hochs klingen elegische Tiefs nach und umgekehrt. Manchmal singt Ausikaitis in einem ernsthaft spritzigem und alles umschmeichelndem Näseln, das nach dem Mittleren Westen duftet, bevor sie ihre Stimme zu einem furchterregenden Brüllen aufbäumt. Manchmal ist ihre Stimme elektronisch verzerrt, wie Glocken am Firmament, in klingende Unendlichkeit. Bei “Vemont Girl” bin ich mir nicht sicher, ob sie aus Jux Kinsella nachmacht,aber ich muss jedes Mal lachen, wenn ich es höre.

Wann immer ich dachte, ich hätte diese Band eingeordnet, haben sie mich auf’s Neue herausgefordert und belohnt: Mit der Vertonung eines Stummfilms, einem halbstündigen minimalistischen Cover der Beatles, “Helter Skelter”, das durch ein Kunstmuseum hämmerte, durch eine performative Zusammenarbeit mit einer Theatergruppe, und eine besonders in Erinnerung haftende Empty Bottle Show, bei der sie Salven von katastrophalem EDM in ein Publikum jagten, das in die Wänder zu schmelzen schien. Öfter als nicht, war es so, dass, je weniger ich von einem ihrer Konzerte oder Alben erwartete, ich desto mehr bekam. Je mehr ich andere ihre Köpfe über den stetigen Bruch der Band mit Erwartungshaltungen kratzen sah, desto mehr begriff ich JOAN OF ARCs künstlerische Weisheit. Auf ‘1984’ haben sie es wieder getan, und ich vermute, sie werden noch weit über die letzten zwei verwirrenden Dekaden hinaus ein Soundtrack zu meinem Leben bleiben. Es gibt heutzutage zu wenige Bands, die machen, dass ich mich mich weniger alleine fühle.

Du magst bis jetzt versucht haben, eine Person ohne Probleme zu sein, aber du hast noch Zeit, auf den JOAN OF ARC Einbahnzug aufzuspringen und mit mir zu ihrem Scheiterhaufen einer gerechten, reinen Demokratie zu fahren. Setz deine Kopfhörer auf und zünde ‘1984’ und erinnere dich an dich selbst als ein Kind, als deine einzige Tätowierung die Erinnerung an das erste Mal, dass du deine Mutter weinen gesehen hattest, war, tief über dein Herz geschrieben. Hör zu: Du brauchst nicht deinen persönlichen Abgrund zu schließen. Es ist ein Ort, an den nur du gehen kannst. Dir wurde wegen der Läuse der Kopf rasiert. Deine Kragenhemden waren in die Hose gestopft. Dein ganzes Leben wurde nur über uns hergezogen, aber seh uns jetzt an. Wir sind wahre “Punk Kid”s.

by JR Nelson

   

mOck aus Berlin fordern uns heraus. Das Trio bewegt sich zwischen sprühenden Ausbrüchen und mimimalistischer Zurückhaltung. Ihr eigenwilliger und doch eingängiger Sound speist sich etwa aus dem Post-Hardcore. Bands wie Karate, Honey For Petzi oder Tortoise sind wichtige Einflüsse. Treibende Melodiösität, Rhythmuswechsel, fließende und sich plötzlich ändernde Strukturen ergeben zusammen einladenden Puzzle-Rock zum genaueren Hinhören.

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